Tina Fibiger hielt die Rede zur Gemeinschaftsausstellung "Offene Ateliers im Göttinger Land 2015"

Meine Damen und Herren,

Liebe Künstler- und Kunsthandwerkergemeinschaft

An diesem Wochenende könnte es gelegentlich das Dach der Wasserscheune abheben. Angesichts der vielen Unruheherde, die auf Leinwand und Papier gebannt wurden, in Stein, Holz und Stoff, und einfach keine Ruhe geben wollen, sondern bewegen.

Natürlich kommen heute in dieser Gemeinschaftsausstellung auch die Stimmen derer zu Wort, die mit farbigen Gesten, Steinen, Stoffen und alltäglichen Materialien ein Refugium formen, kontemplative Momente Imaginieren… das Schönes und das Andächtige. Und letztlich braucht es ja auch diese Balance aus Unruhe und Erdung, mit den aufstörenden Signalen und denen die auch wieder besänftigen, sonst ständen wir hier in der Wasserscheune wirklich bald ohne Dach.

Vielleicht ist es auch wieder an der Zeit, über die Basics nachzudenken, wie wir leben, was wir uns und anderen zumuten und was das alles mit uns macht. Die Nachrichtenbilder sind meist zu schnell und zu flüchtig und werden unmittelbar von neuen, noch aktuelleren Schlagzeilen und Katastrophenmeldungen überlagert. Sei es über Flüchtlingsströme wie sie brutal zusammengeknüppelt werden oder wie sie ebenso hilflos vor der Küste Griechenlands elend absaufen…
Sei es über die neusten Umweltkatastrophen, die Ausbeutung von Ressourcen oder die Waffendeals, die den Globus in ein hoch explosives Territorium verwandeln….
Dass es dazu auch gegenteilige Meldungen gibt, von Protestaktionen, Widerstandsbewegungen und solidarische Hilfe für die Hilflosen, macht die Sache nicht besser, aber es macht Hoffnung. Das es sich auch weiterhin lohnt, Stellung zu nehmen und sich für ein humanes Miteinander zu engagieren.

Ich möchte diese Gemeinschaftsausstellung jetzt keineswegs zur politischen Kampfansage deklarieren. Aber angesichts der vielen globalen Unruheherde scheint sich auch in den Werkstätten und Ateliers mal wieder etwas zusammengebraut zu haben. Das widerspricht keinesfalls den Motiven, die sich als Stillleben verstehen oder als besinnliche Studie. Auch sie sind Reflektionen einer gegenwärtigen Lebens- und Erfahrungswelt. Aber nach den Gemeinschaftsausstellungen der vergangenen Jahre habe ich den Eindruck, als ob sich die Künstler und Kunsthandwerker wieder mehr auf ihre Rolle als Ruhestörer besonnen haben und zwar ganz unabhängig voneinander; auch wenn das jetzt so klingt, als ob sie sich abgesprochen hätten.
Das ist trotz der vielen freundschaftlichen Kontakte und Korrespondenzen nicht der Fall. Aber es gehört zu den Besonderheiten dieser Gemeinschaftsgalerie, dass es dabei immer wieder zu Koinzidenzen kommt. Dass Motive miteinander korrespondieren, dass sich harmonierende Bündnissen entwickeln oder einer dieser widerspenstigen Dialogen mit befruchtender Wirkung.
Künstler und Kunsthandwerker sind schließlich immer auch Chronisten ihrer Zeit, wenn sie Eindrücke, Gedanken und Gefühle in ihren Arbeiten verdichten. Und sie möchten über das, was sie anspricht, mit uns ins Gespräch kommen. Es sind auch immer sehr viele Gesprächmotive, bei denen es heute vielleicht zu ersten Wortwechseln kommt, die sich dann an den kommenden beiden Wochenenden vertiefen lassen, bei einem Werkstatt oder Atelierbesuch.

Sie haben auch diesmal wieder die Qual der Wahl, welcher Bilderzählung sie folgen wollen, welche Kompositionstechnik sie neugierig gemacht hat oder welches fotografische Verfahren. Und natürlich auch, ob sie dabei lieber auf vertrautem Gelände unterwegs sein möchten oder sich auch auf Befremdendes, Irritierendes einlassen wollen.
Hier im Erdgeschoss der Wasserscheune werden ihre möglichen Vorlieben und Interessen schon mal wirkungsvoll unterwandert; mit der Aufforderung, einfach loszulassen und sich packen zu lassen. Zum Beispiel von einer 5. Himmelsrichtung, in die sich so viel hineinlesen lässt über Sehnsüchte, Fluchtbewegungen und das zur Ruhe kommen zwischen bewegenden Naturgewalten in einem hauchdünnen Kokon. Vielleicht zeigt sich hier auch ein paradiesischer Reflex, dem sich das Paar nebenan verweigert, um stattdessen einen Tanz auf dem Vulkan zu zelebrieren von dem sich schwer abschätzen lässt, was ihn verursacht hat. Ein Wutanfall, eine Verletzung oder nur die Lust, die gesicherten Verhältnisse und Besitztümer diesmal etwas radikaler in Frage zu
stellen.

Noch viel explosiver geht es in diesem Spielnest zu. Man hat denEindruck, als dränge ein völlig überladener Zug mit seiner wild wuchernden Ladung ungebremst auf den Betrachter zu, um ihn radikal zu verstören. Zur Ruhe kommen wird er auch bei dem benachbarten Motiv nicht, aber vielleicht anders nachdenklich über den Titel „Verbundenheit-Zeitfluss und das schöpferische Chaos, das jeder Bewegung innewohnt, die wie eine Körperblüte austreibt und mäandert, zu Form und Kraft kommt und sich irgendwann hinter einem luftigen Schattenriss auch wieder verflüchtigen kann oder einfach zum Stillleben wird. Natürlich herrscht auch in den vermeintlichen Stillleben weiterhin Bewegung. Aber es ist ein sanfter Fluss, der sich in den Motiven
vis-à-vis mitteilt: In Fotografischen Momentaufnahmen, die in einem grünen Blätterwald verweilen oder in einer Bewegung von Wind und Wasser und Entwurzelung. Vielleicht birgt ja diese schwimmende Landschaft auch die Wasserblase mit der 5. Himmelsrichtung. Aber vielleicht ist es auch nur der Anblick dieser bunten Herde von Lollypops, der jetzt die Fantasie beschwingt, die zwischen den steinern anmutenden Flächen diese aufmunternde Farbspur vernimmt… beflügelt von einem Quartett atmosphärischer Luftspiegelungen, von Stoffbahnen und der Zartheit ihrer Bewegungen oder von einem Pinselgestus, der ebenso kraftvoll geerdet wie durchlässig leicht anmutet.

Lassen Sie ihren Blick noch ein bisschen zirkulieren, mit den aufstörenden und den besänftigenden Motiven, weil sie dann auch auf die vielen Sehinseln treffen, die Folke Lindenblatt und Gabriele Schaffartzik für die Skulpturen und die Installationen in dieser Ausstellung geschaffen haben: Für das wunderbare Drehmoment, das einen Kalkstein wie einen Albatros erscheinen lässt, der weit seine Flügel ausspannt. Für diesen glänzenden kleinen Froschkönig der vor Stolz fast zu platzen scheint, wie er da auf seiner goldenen Kugel thront. Und auch für dieses herrlich verspielte Paradies mit dem Teddy und allerlei Getier auf einer grünen Wiese, das einen daran erinnern mag, dass sich Alice im Wunderland keineswegs nur als Kinderbuch versteht.
Mag sein, dass es auch die Fülle der Arbeiten ist, die mich immer wieder nach Koinzidenzen Ausschau halten lässt. Auch nach der Balance zwischen Unruhe und Erdung, die sich auch in der Galerieetage fortsetzt. Nach der Begegnung mit einer Tänzerin, die niemand ahnen lässt, das die Leichtigkeit des körperlichen Seins Schwerstarbeit bedeutet. Und nach diesem dramatischen Kontrast beim Anblick eines Mahlstroms, der an der Erdenschwere rührt.

Neben dem kecken Federvieh, das sich so munter aufplustert, glüht die Haut eines toten Vogels. Wie eingebrannt in die leuchtenden Farben erscheint das körnige Material, als ob es ewig weiter glüht; so wie das Panorama des Elbsandsteingebirges, wo die sonnigen Erdfarben hitzig leuchten und glühen.
Was mag wohl in den Köpfen vorgehen, die an einer Häuserwand lehnen und dem Regenschauergrau mit ihren Schirmen trotzen. Vielleicht ist es ja gerade eine dieser Fantasien, wo ein Puppenkörper kopfüber in eine wilde Landschaft stürzt, in der sich Granatäpfel und andere Furchtkörper mit Ornamenten und Verzierungen austoben. Mag sein, dass es sie und auch uns dann in die Welt der australischen Mythen lockt, die auf eine lineare Zeitrechnung verzichten kann und auf Gedächtnislandschaften vertraut, in der sich alte und neue Schichten miteinander vertragen.
Viele Arbeiten in dieser Gemeinschaftsausstellung verführen einfach zu assoziativen Streifzügen.

Aber ebenso inspirierend ist die Wirkung der Materialien und der Techniken, die für den schöpferischen Prozess befragt werden: Wo das Öl von seinem pastosen Volumen befreit plötzlich die Leichtigkeit einer Federzeichnung entwickelt, ein Kleiderbügel tierisches Format bekommt und die stoffliche Umhüllung eines Körpers farblich davon zu schweben scheint.
Dagegen könnte natürlich der imposante Mops auftrumpfen, der wie ein zu groß geratenes Möbelstück in der Nachbarschaft von Nebellandschaften, beherzten Frauenkörpern und lichten Waldregionen die Stellung halten muss. Aber er könnte uns auch einfach ironisch zublinzeln, während wir seine opulente Wohnkulisse sondieren, in der alles Lebendige doch irgendwie fehl am Platz scheint.
Ich sprach vorhin von Störsignalen und von Ruhestörern in dieser Galerie von Künstlern und Kunsthandwerkern, die mit Ihnen ins Gespräch kommen möchten. Aber ebenso wie ihre Arbeiten aufstören, Fragen stellen und zum Reflektieren anregen, können sie auch ermuntern, erleichtern und beflügeln und einfach Freude machen. Hauptsache, sie bewegen etwas in uns, sei es die Ansicht zu einem Thema, die sich daraufhin vertieft oder dass uns das Material in seiner Vielstimmigkeit berührt.
Ich denke dabei nicht nur an diese harmonische Vision aus Stein sondern auch an diese kleine Skizze und diese Gestalt, die auf ihrem Kopf einen Kaktus trägt. Offenbach ein stacheliges Gemüt, aber das braucht es eben auch ab und an, um Unruheherde und Refugien in der Balance zu halten.

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Flanieren durch die Ausstellung und natürlich auch für die kommenden Wochenenden, wenn die Künstler- und Kunsthandwerker ihre Werkstätten und Ateliers wieder für Sie öffnen.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

Tina Fibiger

Erbsen, 5. September 2015